Für Philipp Hellwig stellte der Kauf seines ersten Elektroautos 2015, einem Renault Zoe, einen Wendepunkt im Leben dar. Die Entscheidung für ein vollelektrisches Auto hatte weitrechende Auswirkungen auf sein gesamtes Denken und Handeln. Er entdeckte nicht nur die Freude am lokal emissionsfreien Fahren, sondern begann auch, sich intensiv mit den Themen erneuerbare Energien, Mobilitätswende und Klimaschutz zu beschäftigen. Das Interesse am Thema Elektromobilität ging sogar so weit, dass er einen eigenen Podcast ins Leben rief: Seit Januar 2016 produziert und moderiert der Familienvater CleanElectric. In dem Podcast dreht sich alles um das Thema Elektromobilität. Im Interview gibt er einen Überblick über aktuelle Entwicklungen, geht auf Probleme und Hindernisse der flächendeckenden Einführung von E-Autos ein und gibt einen Ausblick auf die Mobilität der nächsten Jahre.

Die Anfänge der Elektromobilität reichen weiter zurück, als man vermuten mag, ist das richtig?

Die Geschichte des Elektroautos reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Zwischen 1832 und 1839 entwickelte der schottische Erfinder Robert Anderson in Aberdeen das erste Elektrofahrzeug. In Deutschland fertigte die Maschinenfabrik A. Flocken in Coburg im Jahr 1888 den vermutlich weltweit ersten elektrisch angetriebenen Personenkraftwagen, eigentlich eher eine Elektrokutsche, den Flocken Elektrowagen. Dass sich Elektrofahrzeuge nicht schon damals durchgesetzt haben, lag vor allem an den Batterien. Denn die Energie zu speichern, die für das Zurücklegen einer sinnvollen Strecke nötig gewesen wäre, war damals schlichtweg unmöglich.

Wie viele der derzeit zugelassenen Autos in Deutschland werden elektrisch angetrieben und wie entwickeln sich die Verkaufszahlen aktuell?

Laut ADAC lag der Marktanteil von rein elektrischen PKW im Juli 2021 bei 10,8 Prozent. Dem Kraftfahrt-Bundesamt zufolge sind derzeit gut 48 Millionen PKW auf deutschen Straßen unterwegs. Während der Anteil von Autos mit Benzin- oder Diesel-Antrieb deutlich abnimmt, steigt die Zahl von vollelektrischen und Plugin-Hybriden [Verlinkung auf Glossar-Beitrag E-Auto] kontinuierlich. Im ersten Halbjahr 2021 waren 312.507 Neuwagen mit einem Elektro-Antrieb ausgerüstet (BEV, Plugin-Hybrid, Brennstoffzelle), was einer Steigerung von knapp 189 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und einem Neuzulassungsanteil von 22,5 Prozent entspricht.

Schon über 130 Folgen seines Podcasts CleanElectric hat Philipp Hellwig moderiert. Bild: Philipp Hellwig

Wie verhält es sich mit den Kosten? Sind E-Autos mittlerweile erschwinglich?

Nachdem Elektroautos nun einige Jahre lang deutlich teurer waren als vergleichbare Modelle mit fossilem Antrieb, gestaltet sich die Situation heute deutlich entspannter. Dank Umweltbonus und Innovationsprämie herrscht bei einigen Modellen sogar Preisparität. Dadurch konnte eine Hürde beim Umstieg auf ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug beseitigt werden. In den vergangenen Jahren ist das Angebot außerdem deutlich vielfältiger geworden, so dass sich – zwischen Luxuslimousinen und Kleinstfahrzeugen – auch Kompakt- und Mittelklassewagen bei nahezu allen Herstellern finden lassen. Die Modelle haben in Sachen Platz, Preis und Reichweite für nahezu alle Interessierten etwas zu bieten. Weiterhin macht der Staat den Kauf eines E-Autos durch die Befreiung von der Kfz-Steuer schmackhaft und krönt das Ganze noch mit der Förderung privater Wandladestationen. Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren werden derweil kontinuierlich teurer, denn die Steuer orientiert sich mittlerweile bekanntermaßen am CO2-Ausstoß des Autos, während gleichzeitig auch die Preise für fossile Kraftstoffe durch das Brennstoffemissionshandelsgesetz absehbar steigen werden.

Warum wurden in den letzten Jahren vor allem Kleinst- und Luxuswagen, dagegen aber wenig Mittelklassewagen gefertigt?

In den vergangenen Jahren ist vielfach aufgefallen, dass vor allem große und teure Luxuslimousinen als E-Auto vorgestellt und auf den Markt gebracht wurden. Das hat vor allem zwei Gründe: Luxuriös ausgestattete Oberklassewagen bescheren den Autoherstellern deutlich größere Margen als auf konkurrenzfähige Preise getrimmte Volumen-Modelle. Aber nicht nur das: Um ein batteriegetriebenes Elektrofahrzeug mit einer brauchbaren Reichweite anbieten zu können, brauchte man große Akkus, die viel Platz benötigen. Die Batterie-Entwicklung hat in den letzten Jahren allerdings große Schritte gemacht, so dass die Energiedichte der Akkuzellen signifikant gesteigert werden konnte. Diese nahm zwischen 2012 und 2019 von 87Wh/kg auf 134 Wh/kg zu. Das bedeutet, dass der Energiegehalt von einer Kilowattstunde nicht mehr mit 11,49 kg, sondern bereits mit 7,46 kg Batterien erreicht werden kann. Mittlerweile sehen wir in allen Klassen vollelektrische Autos mit respektablen Reichweiten.

Wie verhalten sich die Hersteller heute zu dem Thema Elektroauto?

2013 überraschte BMW mit dem vollelektrischen i3, nachdem kurz zuvor in den USA die ersten Tesla Model S auf die Straßen rollten. Tesla hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Individualverkehr zu elektrifizieren. Im Gegensatz zu Tesla schenkte man bei BMW dem i3 zwar ein sehr langes Auto-Leben – er wird wohl noch bis Ende 2022 weiter produziert werden – aber der vollelektrischen Mobilität erst einmal keine weitere Beachtung. Einzig die Modelle Renault Zoe und Nissan Leaf spielten eine größere Rolle bei den Elektroautos dieser Zeit, denn die frühen Kleinwagen Peugeot Ion, Mitsubishi i-MiEV und Citroën C-Zero verkauften sich nur schlecht.

Heute hingegen haben fast alle Autohersteller die Zeichen der Zeit erkannt und planen mehr oder weniger explizit das Ende der Verbrenner-Ära. Nicht alle äußern sich konkret zu Daten und Plänen, aber eines scheint überall klar zu sein: Die automobile Zukunft ist elektrisch.

Seit November 2020 fördert die Bundesregierung den Kauf und die Installation von privaten Ladestationen an Wohngebäuden, sogenannten Wallboxes.

Was sind die größten Hindernisse einer schnellen und flächendeckenden Einführung und Nutzung von E-Autos?

Nachdem wir mittlerweile die Zeit der „Reichweitenangst“ hinter uns gelassen haben, grassiert unter E-Autofahrer*innen eher eine andere Furcht. Nämlich die, mit leerem Akku an einer dysfunktionalen Ladesäule liegen zu bleiben. Leider ist dies keine irrationale Angst, denn fast alle Betreiber haben offensichtlich Schwierigkeiten, eine zu 100 Prozent zuverlässige Ladeinfrastruktur bereitzustellen. Die Ursachen sind ebenso vielfältig wie sie für uns als E-Auto-Fahrer*innen egal sind. Es muss flächendeckende Zuverlässigkeit herrschen, denn weniger ist aus Sicht der Nutzenden schlicht inakzeptabel.

Prinzipiell wird an allen Hemmnissen gearbeitet: Mit Umweltbonus und Innovationsprämie sowie Steuerbefreiung lindert man die Schmerzen der Käuferschaft bezüglich der Kosten. Auch die heimische Wallbox lässt sich durch staatliche Förderung sehr viel günstiger installieren. Ebenso wird die öffentliche Ladeinfrastruktur gefördert, um der wachsenden Zahl von Elektroautos gewachsen zu bleiben. Man geht davon aus, dass auf zehn E-Autos ein Ladepunkt kommen sollte, allerdings geht der Ausbau weniger schnell voran als er eigentlich vorangehen müsste. Hier soll das „Deutschlandnetz“ Abhilfe schaffen – ein Programm für die Errichtung und den Betrieb von gut 1.000 Schnellladestandorten mit jeweils mehreren Ladepunkten bis 2023.

Wie ist die Entwicklung von E-Mobilität bei anderen Fortbewegungsmitteln, welche Trends sind hier zu beobachten, für welche Arten von Fahrzeugen eignet sich E noch?

Neben der Elektrifizierung von PKWs lassen sich auch bei anderen Verkehrsmitteln Tendenzen zum elektrischen Antrieb entdecken. Wir sehen zum Beispiel elektrische Zwei-, Drei- und Vierräder im Zustellbetrieb, also auf der so genannten „letzten Meile“. Auch im privaten Bereich finden elektrische Scooter, Roller, Mopeds, Pedelecs oder Lastenräder großen Anklang. In Städten wird vermehrt daran gearbeitet, die Busflotten zu elektrifizieren und den Anteil elektrischer Autos bei Carsharing-Angeboten zu erhöhen. So hat sich zum Beispiel die Anzahl der Haushalte mit E-Bikes seit 2015 nahezu verdreifacht, schreibt das Statistische Bundesamt.

Seit Juni 2019 sind E-Scooter auf deutschen Straßen zugelassen. Seither prägen sie vor allem in Großstädten das Straßenbild.

Was glauben Sie: Wie wird sich E-Mobilität in den kommenden Jahren entwickeln?

Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Mobilität elektrisch ist. Und damit meine ich vorrangig batterieelektrische Fahrzeuge. Seien es Roller und Motorräder, Autos und Lieferwagen oder Busse und leichte LKWs. Für schwere Fahrzeuge und weite Strecken werden wahrscheinlich auch Alternativen wie die Wasserstoff-Brennstoffzelle oder möglicherweise synthetische Kraftstoffe in Betracht gezogen werden, aber wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: So lange Wasserstoff und Synfuels, also synthetische Kraftstoffe, nicht zu 100 Prozent grün hergestellt werden können, dürfen diese keine Option sein. Energie- und Verkehrswende sind wichtige Bausteine auf dem Weg zu einem bewussteren Umgang mit unserem Planeten, was im Endeffekt bedeutet, dass alle vermeidbaren Emissionen auch tatsächlich vermieden werden müssen. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir nicht einfach auf einen grüneren Antrieb wechseln, sondern Autos und Motorräder gar nicht erst kaufen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.  

Bild: Philipp Hellwig