2014 wurde in Deutschland der erste Unverpackt-Laden eröffnet. Mittlerweile gibt es deutschlandweit rund 450 Geschäfte dieser Art. In den Betrieben können nahezu alle Lebensmittel – und oft noch weitere Verbrauchsgüter – direkt in mitgebrachte Behältnisse gefüllt werden. Die Kund*innen tragen damit bei jedem Einkauf zur Vermeidung von Verpackungsmüll bei.

Gerade im Hinblick auf den Umweltschutz wird das Thema Müllvermeidung in der Gesellschaft immer wichtiger. Marlen Richter ist Geschäftsführerin von der „Auffüllerei“ in Frankfurt und ehrenamtliche Vorständin bei dem 2018 ins Leben gerufenen Unverpackt e.V. - Verband der Unverpackt-Läden.

Sie fordert bei den Themen Lebensmittelverpackungen und Müllvermeidung ein Umdenken im großen Stil und ein Zusammenarbeiten aller Beteiligten. Im Interview haben wir mit der 37-Jährigen über die Logistik hinter den Unverpackt-Läden im Vergleich zu konventionellen Supermärkten, über Mehrwegsysteme, eingeschweißte Gurken und die Rolle jedes Einzelnen beim Thema Verpackungsmüll gesprochen.

Das Konzept der Unverpackt-Läden ist in den vergangenen Jahren immer bekannter geworden, in Deutschland gibt es mittlerweile rund 450 Läden dieser Art. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Wir freuen uns über jeden neuen Unverpackt-Laden. Aber die Corona-Pandemie, der Krieg gegen die Ukraine und die aktuell hohe Inflationsrate gehen nicht spurlos an der Unverpackt-Branche und den vielen liebevollen inhaber*innen-geführten Läden vorbei. Daher ist die Branche aktuell von einigen Schließungen betroffen. Aber glücklicherweise öffnen auch wieder neue Läden und wir hoffen, dass sich diese Tendenz fortsetzt und sich die Lage bald beruhigt, damit sich das Unverpackt-Konzept langfristig stabilisiert und weiter ausgeweitet werden kann – denn wir müssen etwas für unseren Umweltschutz tun und jeder einzelne Laden trägt seinen Teil dazu bei.

Marlen Richter betreibt seit 2019 gemeinsam mit ihrer Kollegin Christina Schwab die „Auffüllerei“ in Frankfurt am Main. Beide lassen beim Thema Müllreduzierung keine Ausreden gelten. „Wirklich jeder kann seinen Teil beitragen, ohne direkt das ganze Leben umstellen zu müssen“. Bild: Nadine Kopp

Welche Zielgruppe kauft in Unverpackt-Läden ein?

Vom Zerowaste-Starter bis zum Zerowaste-Profi ist alles dabei. Auch alterstechnisch ist die Zielgruppe sehr heterogen. Zu uns kommen Menschen, die zu Hause Müll reduzieren, die Umwelt schonen und (Plastik-)Verpackungen zum größten Teil vermeiden wollen, die Wert auf nachhaltige, biologische und regional angebaute Produkte legen und nur das kaufen, was sie aktuell benötigen und damit Lebensmittelverschwendung minimieren. Vielen Kund*innen ist es außerdem wichtig, kleine, teilweise familiengeführte Unternehmen und lokale Hersteller*innen zu unterstützen. Oft spielt auch die individuelle, authentische Beratung und Transparenz bei der Produktauswahl eine wichtige Rolle für unsere Kundschaft.

2020 wurden bei den privaten Haushalten in Deutschland pro Kopf 78 Kilogramm Verpackungsmüll eingesammelt. Das waren pro Person durchschnittlich sechs Kilogramm mehr als im Jahr 2019 (Quelle: Statistisches Bundesamt/Pressemitteilung vom 14.3.2022). Bild: Jasmin Sessler/Unsplash.com

Die Verpackungslogistik ist insgesamt ein äußerst komplexes Thema, gerade in der Lebensmittelindustrie (Stichwort Hygiene, Kühlketten, Schnelligkeit und weltweite Lieferketten). Wie unterscheiden sich die Logistikprozesse, die hinter einem Unverpackt-Laden stecken, von jenen großer Supermarktketten? Kommt der gesamte Prozess ohne jegliche Verpackungen aus?

Da viele Unverpackt-Läden kleiner als die handelsüblichen Ketten sind, gibt es hier keinen automatischen Bestellprozess. Dieser wird in den meisten Fällen manuell und individuell gestaltet und ausgeführt. Ganz ohne Verpackung kommt unsere Branche dabei noch nicht aus. Denn Verpackungen erfüllen eben auch einen wichtigen Zweck, für viele Produkte sind sie als Schutz wichtig. Somit sind auch bei uns importierte Waren verpackt. Den Unterschied machen die größeren Gebinde aus, durch die viel Müll eingespart werden kann. So werden beispielsweise trockene, lose Produkte in 5- bis 25-Kilogrammsäcken auf Paletten angeliefert.

Wir versuchen, in der Lieferkette auf Verpackungen zu verzichten und arbeiten mit Fördermitgliedern unseres Verbandes sowie Hochschulen und Instituten zusammen, um diesen Prozess stetig weiter zu verbessern.

Anders als bei großen Supermarktketten versuchen wir in Kooperation mit den Lieferant*innen und Erzeuger*innen auf Umverpackungen zu verzichten oder setzen hier auf Mehrweglösungen. Es fällt also auch bei uns noch Verpackungsmüll an, aber eben viel weniger als bei den großen Supermärkten.

Cornflakes, Haferflocken, Nudeln, Reis, Mehl, aber auch Joghurt, Waschmittel und Wein – in der „Auffüllerei“ im Frankfurter Nordend können sich Kund*innen viele Lebensmittel einfach in ein mitgebrachtes oder im Laden angebotenes Behältnis abfüllen. Die Waren werden im Anschluss gewogen und abzüglich des Behältergewichts bezahlt. Bild: Nadine Kopp

Zur Abfallvermeidung tragen auch Mehrwegsysteme bei. Klassisch kennt man das vor allem aus dem Getränkehandel, gute Lösungen gibt es nun bereits auch für Coffee to go oder für Essenslieferungen (z. B. von Vytal). In manchen Unverpackt-Läden werden Produkte vermehrt in Mehrwegsystemen/Pfandgläsern angeboten. Ist Mehrweg für den kleinen Unverpackt-Einzelhandel nicht ein zu hoher logistischer Aufwand?

Wir als Verband und als Laden-Betreiber*innen setzen uns für die Vermeidung von Einweg-Verpackung ein. Im Umkehrschluss stehen wir also für den Einsatz von Mehrwegsystemen – wenn diese ökologisch vorteilhaft sind, was in den meisten, aber eben nicht in allen Fällen so ist.

Trockene Lebensmittel in Großgebinden und Mehrweg-Kunststoff-Behältern zu beziehen, trägt einen wesentlichen Teil zur Müllvermeidung bei. Auch Öle oder flüssige Reinigungsmittel in Mehrwegkanistern, die anschließend von den Lieferanten zurückgenommen, gespült und wieder befüllt werden, sind gute Ansätze. Oft ist es leider teurer, einen Mehrwegprozess zu etablieren, als auf Einweg zu setzen – und die Verpackung damit jedes Mal erneut aus fossilen Rohstoffen zu gewinnen.  Hier ist jedes Unternehmen selbst gefragt und zum Umdenken aufgerufen.

Bei Mehrwegsystemen muss man auch abwägen, in welchem Verhältnis die Inhaltsmenge zum Gewicht der Verpackung steht. So sind beispielweise trockene Lebensmittel, die man normalerweise auch unverpackt erwerben kann, in einem Joghurt-Pfandglas ökologisch nicht vorteilhafter. Auch sollte man bei flüssigen Lebensmitteln im Mehrwegglas bedenken, woher diese Produkte kommen und ob diese wieder in einen lokalen Kreislauf eingespeist werden können.

Für die Unverpackt-Läden sind Mehrwegsysteme natürlich ebenfalls mit mehr Aufwand im Bereich Lagerhaltung, Reinigung usw. verbunden. Diesen Aufwand nehmen wir aber in Kauf und kalkulieren von Anfang an damit, da dies ein essenzieller Bestandteil unseres Konzepts ist. Nur so können wir Einwegverpackungen sparen und letztendlich Müll vermeiden.

Eine Umfrage des Arbeitskreises Mehrweg aus dem Jahr 2021 zeigt, dass Verbraucher*innen in Deutschland immer klarer zwischen Einweg- und Mehrwegflaschen unterscheiden. Ursache sei das steigende Bewusstsein für Klimaschutz, aber auch eine wachsende Skepsis gegenüber PET-Flaschen (Quelle: Arbeitskreis Mehrweg/Umfrageergebnisse vom Februar 2021). Bild: Arbeitskreis Mehrweg GbR

Mittlerweile bemühen sich scheinbar auch große Supermarktketten, weniger Verpackungsmaterialien zu verwenden. In Plastik eingeschweißte Gurken findet man immer weniger. Findet hier ein Umdenken statt oder täuscht dieser Eindruck?

Es ist gut und notwendig, dass in der Politik, bei den Unternehmen und in der Gesellschaft ein Umdenken stattfindet. Letztendlich wird aber die gesparte Gurkenverpackung die Welt nicht retten. Hier bedarf es umfassendere Ansätze, nämlich Verpackungen, wann immer möglich, zu reduzieren oder zu vermeiden und eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, die auf Recycling setzt, auszubauen. Alle in der gesamten Wertschöpfungskette müssen in diesen Prozess mit einbezogen werden – Unternehmen, die ihre Produkte in den Kreislauf bringen, müssen auch für die Wiederverwendung der Rohstoffe und die ordentliche Entsorgung verantwortlich gemacht werden.

Auch die Nutzung von wiederverwerteten Kunststoffen, sogenannten Rezyklaten, sollte ausgebaut werden, um in der Lebensmittelindustrie flächendeckend Primärverpackungen und somit wertvolle Ressourcen, einzusparen. Zudem muss die Beschränkung von verschiedenen Kunststoffarten im Lebensmittel-Verpackungsbereich vorangetrieben werden, um ein einwandfreies Recycling zu ermöglichen. Denn oftmals bestehen Verpackungen derzeit aus vielen verschiedenen Kunststoffarten, die für das Recycling erstmal voneinander getrennt werden müssen. Bei einer falschen Entsorgung birgt dies einen erheblichen Mehraufwand bei der sortenreinen Trennung für eine einwandfreie Recyclingvorbereitung. Nationale und internationale Gesetze und Verordnungen sind daher notwendig, um den Verpackungskreislauf langfristig zu verändern.

Und natürlich kann jeder selbst einen erheblichen Teil zu einer Veränderung beitragen. Denn wenn wir als Verbraucher*innen bei unseren Käufen Verpackungen ablehnen oder reduzieren und darauf achten, nachhaltig und bedarfsgerecht einzukaufen, wird sich der Markt danach richten.

Ein Obst- und Gemüsenetz für den spontanen Einkauf zwischendurch gehört in jede Jackentasche. Bild: Von Wix/Unsplash.com

Welche Ratschläge können Sie unseren Leser*innen mitgeben, um beim Einkaufen weniger Verpackungsmüll zu produzieren?

Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Unser Verband hat einen Leitfaden mit vielen nützlichen Hintergrundinformationen und Tipps erstellt. Generell kann jeder auf verpackungsarme Produkte setzen. Vielen stehen zudem Unverpackt-Läden, Wochenmärkte oder kleine Hofläden – diese bieten die Waren oft lose direkt vom Bauer an – zur Verfügung. Möbel, Spielsachen, Kleidung etc. kann gebraucht gekauft werden, so lässt sich Verpackung und Rohstoffverschwendung komplett vermeiden. Außerdem gilt: Lieber lokal shoppen als online. Das spart unglaublich viel Verpackung ein, aber auch CO2, wenn man dabei noch zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist.

Ich rate außerdem dazu, immer einen kleinen Stoffbeutel oder eine Lunchbox als Backup dabei zu haben, um spontan etwas einkaufen oder mitnehmen zu können. Und im empfehle, ruhig immer wieder aktiv an den Frischetheken zu fragen, ob Wurst, Käse und Aufstriche in das mitgebrachte Behältnis gefüllt werden können – das ist immer öfters problemlos möglich und für jeden leicht umzusetzen. Und die Bäckerbrötchen kann man sich direkt in den mitgebrachten Stoffbeutel füllen lassen.

Die Liste könnte ich endlos weiterführen, da es so viele Ansatzpunkte gibt, aber grundsätzlich gilt: Ausreden gibt es keine, beim Thema Müllvermeidung sind alle gefragt. Wer einmal umdenkt, dem wird auffallen, wie einfach die Reduzierung von Verpackungsmüll ist, ohne sich dabei einschränken zu müssen.


Vielen Dank für das Gespräch.