Interview mit den Wissenschaftlerinnen Hannah Eberhardt und Anna Gering über das Mobilitätsverhalten von Eltern und deren Rolle im Bezug auf die Verkehrswende

Im Jahr 2015 haben Anna Gering, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fachgruppe Mobilitätsmanagement der Hochschule RheinMain, und Hannah Eberhardt von „Verkehr mit Köpfchen" das Forschungsprojekt „Fördern und Stärken der Fahrradnutzung bei jungen Familien nach der Geburt von Kindern“ gestartet. Das Vorhaben wurde vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans gefördert. Ziel war es, Hemmnisse und Bedürfnisse von Eltern mit Baby zu erheben und daraus geeignete Angebote zu entwickeln, um dieser Zielgruppe die sichere Babymitnahme zu erleichtern. Im vergangenen Jahr haben die beiden Wissenschaftlerinnen und leidenschaftlichen Radfahrerinnen den Report „Radfahren mit Baby – Ergebnisse, Erfahrungen und Empfehlungen aus fünf Jahren Forschung und Praxis“ veröffentlicht. Im Interview sprechen wir mit ihnen darüber, wie sich das Mobilitätsverhalten mit der Geburt eines Kindes ändert, warum Carsharing nicht familienfreundlich ist und welche Bedürfnisse Familien im Bezug auf Mobilität und Verkehr haben.

Wie verändert sich das Mobilitätsverhalten von Eltern nach der Geburt eines Kindes?

Hannah Eberhardt: Unsere Befragung von rund 650 Eltern und Schwangeren hat gezeigt: Nach der Geburt gehen Eltern mehr zu Fuß und fahren weniger Rad und diese Veränderungen betreffen vor allem die Mütter. Interessant ist, dass bereits Schwangere ihr Mobilitätsverhalten ändern und weniger Rad fahren. Die Nutzung des Autos nimmt häufig zu. Die Nutzung des Öffentlichen Verkehrs bleibt im Vergleich zu vor der Schwangerschaft meist gleich. An der Befragung nahmen vor allem fahrradaffine Menschen aus mehrheitlich urbanen Räumen und überwiegend Frauen (ca. 80 Prozent) teil. Die Ergebnisse sind daher nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, lassen jedoch trotzdem Rückschlüsse zu. Zum Beispiel dürfen wir annehmen, dass bei weniger fahrradaffinen Eltern die Fahrradnutzung sicher nicht weniger zurückgeht.

Befragungsergebnis aus bundesweiter Befragung zum Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby
Befragungsergebnis aus bundesweiter Befragung zum Radfahren in der Schwangerschaft und mit Baby, Abbildung: Verkehr mit Köpfchen

Welche Gründe sehen Sie für diese Verhaltensveränderungen?

Anna Gering: Im Grunde gibt es drei wesentliche Erklärungsansätze. Erstens die sozialen Geschlechterrollen, zweitens die veränderten Wegezwecke, Praktikabilitätserwägungen, räumliche Gründe und drittens Unwissenheit und Sorgen bezüglich des Radfahrens.

Fast 30 Prozent der Mütter, die an der 2016 von uns durchgeführten Befragung teilgenommen haben, sind (fast) nie ohne Baby unterwegs. Dies bedeutet eine immense Veränderung des Mobilitätsverhaltens – immer muss das Kind mitgedacht werden, wenn die Mutter unterwegs sein will, immer stellt sich die Frage, wie das Kind mitgenommen werden kann. Es ist zudem ein hohes Maß von Flexibilität erforderlich, beispielsweise weil das Baby plötzlich Hunger hat oder spontan gewickelt werden muss. Die Erledigungen, die Mütter mit ihren Babys machen müssen, sind im urbanen Raum fußläufig erreichbar. Dies geht ebenfalls aus unseren Befragungsergebnissen hervor.

Nach der Geburt eines Kindes ändert sich nicht nur das Mobilitätsverhalten, sondern oft auch der Alltag eines Elternteils sehr stark. 2019 nahmen etwa 25 Prozent der Frauen mit einem Kind, das unter sechs Jahren alt ist, Elternzeit. Bei den Vätern waren es nur 1,6 Prozent (Statistisches Bundesamt 2020). Die Mütter übernehmen meist die Erledigungen (Einkäufe, Arztbesuche etc.), daher ändert sich auch das Mobilitätsverhalten der Mütter mehr als das der Väter. Statistisch zeigt sich, dass Erwachsene, die in einem Haushalt mit Kindern leben, mehr Wege zurücklegen als Erwachsene, die in einem Haushalt ohne Kinder leben. Dies zeigt die erhöhten Alltagserfordernisse, was folglich ein sehr flexibles und immer verfügbares Verkehrsmittel wie den eigenen Pkw nahelegt (Ahrend und Herget 2012).

Eltern stellen vor allem das Radfahren ein, weil sie Angst vor einem Unfall haben, wenn sie ihren Nachwuchs mit dem Fahrrad mitnehmen. Überwiegend finden sie die städtischen Fahrradwege zu schlecht oder nicht ausreichend ausgebaut. Zudem besteht eine große Unsicherheit, ob und wie sie ihr Baby mit dem Rad mitnehmen können.

Beim „Proberadeln“ des Vereins „Fahrrad & Familie e.V.“ aus Heidelberg können sich Familien mit Fahrradanhängern & Co. vertraut machen.

Welche Angebote müssen Familien gemacht werden, damit sie kein Hemmnis der Verkehrswende mehr sind bzw. wie und von wem können Eltern unterstützt werden?

Hannah Eberhardt: Grundlegend wichtig ist eine entsprechende Infrastruktur, die sicheres und komfortables Radeln auch mit Kindern erlaubt. Dies bedeutet ausreichend breite Radwege, am besten geschützt vor dem Autoverkehr, aber auch breite Gehwege, auf denen Kinder gut fahren können. Das bedeutet die Notwendigkeit, Flächen zugunsten des Rad- und Fußverkehrs umzuverteilen und die Verkehrsplanung an den Bedürfnissen der verletzlichsten und unsichersten Verkehrsteilnehmenden auszurichten. Ein Paradigmenwechsel also. Eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h würde vermutlich ebenfalls zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl beitragen.

Neben Vereinen wie „Fahrrad & Familie e. V.“ aus Heidelberg, die monatlich ein kostenloses Probefahrradfahren mit Fahrradanhängern, Lastenrädern und Kindersitzen anbieten, schaffen auch Städte Anreize für Familien, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Die Landeshauptstadt München bietet Familien mit Babys beispielsweise eine Bandbreite an verschiedenen Mobilitätsoptionen durch eine Art Gutscheinheft an. So können Familien vergünstigt den ÖPNV sowie Carsharing nutzen und auch Fahrradanhänger ausleihen (Landeshauptstadt München 2021). In Leipzig fahren Kinder bis sechs Jahre, kostenfrei Bus und Straßenbahn (Leipziger Verkehrsbetriebe 2021). Auch finanzielle Zuschüsse, zum Beispiel für den Kauf eines Lastenrads oder Anhängers, können unterstützen. Grundsätzlich sollten die Angebote für Familien niedrigschwellig, einfach und günstig sein.

Seit einigen Jahren erfreuen sich Lastenfahrräder in Städten einer zunehmenden Beliebtheit. Welche Rolle kommt ihnen im Zusammenhang eines sich verändernden Mobilitätsverhaltens mit Kindern zu?

Anna Gering: Lastenräder eignen sich hervorragend zur Kindermitnahme oder zum Transport von Einkäufen und Hunden. Sie nehmen deutlich weniger Platz ein als ein Pkw. Meist haben sie eine Elektrounterstützung und sind dadurch auch in bergigen Gegenden nutzbar bzw. ermöglichen den leichten Transport schwerer Ladungen. Bei der Mehrheit der Lastenräder ist die Transportfläche vor der fahrenden Person. Das ist gerade für Kinder schön, da sie sich während der Fahrt mit ihrem Elternteil bzw. der Person auf dem Sattel, unterhalten können. Gleichzeitig sind die kleinen Passagiere auch im Blickfeld des Elternteils. Geschehnisse im Blick zu haben, vermittelt bei Eltern ein angenehmes Sicherheitsgefühl.

Lastenfahrräder werden in Städten immer beliebter. Für alle, die sich kein eigenes Gefährt leisten können oder wollen, bieten Unternehmen wie die sigo GmbH E-Lastenräder in immer mehr deutschen Städten zum Ausleihen an. Bild: sigo GmbH

Auch ältere Kinder werden oft von den Eltern mit dem Auto zur Schule, Freunden oder Sportstätten gefahren. Wer mit Kindern einmal aufs Auto umsteigt, bleibt also auch über das Kleinkindalter hinaus vorerst dabei?

Hannah Eberhardt: Das muss nicht sein. Ausschlaggebend ist, was als „normale“ Mobilität verstanden wird. Wenn die Familie meist mit dem Auto unterwegs ist und die Kinder nicht selbstständig mobil sind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie es bis ins Jugendalter hinein bleiben, da der Pkw der Eltern das normale und alltägliche Fortbewegungsmittel ist. Wenn es in der Familie normal und alltäglich ist mit dem Rad zu fahren oder den Bus vor der Haustür zu nehmen und nur selten das Auto genutzt wird, ist es auch wahrscheinlich, dass später eine selbstständige Mobilität der Kinder bzw. Jugendlichen stattfindet (Flade 2013).

„Ausschlaggebend für das spätere Mobilitätsverhalten ist bei den meisten Menschen die Lebensphase zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr" (Unger-Azadi und Knoblauch 2006, S. 10). Je nachdem wie Jugendliche und junge Erwachsene unterwegs sind, werden sie nach Unger-Azadi und Knoblauch wahrscheinlich überwiegend ihr restliches Leben unterwegs sein. Hier hat vor allem das soziale Umfeld Einfluss. Neben der Familie sind es vor allem Freund*innen bzw. Gruppen, mit denen Jugendliche viel Zeit verbringen. Jugendliche orientieren sich stark am Verhalten ihrer Freund*innen und stellen hierbei ihre persönlichen Ansichten auch in den Hintergrund. Fahren also Freund*innen regelmäßig mit dem Rad zur Schule oder gehen zu Fuß, ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der/die einzelne Jugendliche sich diesem anpasst.

Warum werden (Car-)Sharing-Angebote von Familien mit Kindern weniger genutzt bzw. wie müssten diese Angebote ausgerichtet sein, damit Familien vermehrt darauf zurückgreifen?

Hannah Eberhardt: In einem Working Paper von Schneider und Hilgert werden in Befragungen von Familien in Baden-Württemberg und Erhebungen des Mobilitätspanels Nachteile des Carsharings genannt. Kindersitze und insbesondere Babyschalen müssen meist erst in die Fahrzeuge eingebaut und teilweise selbst mitgebracht werden. Dieser logistische Aufwand ist vor allem für Familien mit kleinen Kindern ein Nachteil bei der Carsharing-Nutzung (Schneider und Hilgert 2017, S. 34). Für Familien ist es hilfreich, wenn die Wege zum Carsharing-Fahrzeug kurz sind und standardmäßig in allen Fahrzeugen Kindersitze und zumindest in einigen Fahrzeugen (oder alternativ in einem Stationstresor) eine Babyschale vorhanden ist.

Aus dem Paper geht weiter hervor, dass die Strecken mit Carsharing geplant werden müssen und somit die Flexibilität vor allem mit Kindern eingeschränkt sei. Zudem sei gerade für längere Ausflüge die Zeitabschätzung, wie lange das Fahrzeug wirklich gebraucht wird, schwierig (Schneider und Hilgert 2017, S. 34). Des Weiteren werden folgende Gründe für die Nicht-Nutzung von Carsharing von den befragten Familien genannt: keine Verfügbarkeit der Fahrzeuge, wenn sie gebraucht werden, verschmutzte Fahrzeuge, die Carsharing-Stationen sind schlecht erreichbar (vor allem mit kleinen Kindern) und ein komplizierter Anmeldeprozess (Schneider und Hilgert 2017).

Insgesamt gibt es eine deutliche Zunahme von Carsharing-Mitgliedschaften, wie aus der letzten Befragung von „Mobilität in Deutschland“ hervorgeht (Nobis und Kuhnimhof 2019). Damit auch Familien das Angebot mehr bzw. überhaupt nutzen, sollte auf deren Bedürfnisse eingegangen werden, Zuverlässigkeit, hohe Flexibilität, Sauberkeit und Verfügbarkeit der Fahrzeuge.

Hannah Eberhardt (li.) und Anna Gering setzen sich für eine familienfreundliche Stadt- und Verkehrsplanung ein.

Lässt sich die Entwicklung, die Sie in Deutschland beobachten, auch in anderen europäischen Ländern beobachten oder gibt es hier gravierende Unterschiede?

Anna Gering: Aus unserer jetzigen Sicht lässt sich feststellen, dass in einigen Metropolen Europas in den vergangenen Jahren beispielgebende Stadt- und Verkehrsplanung stattgefunden hat. Zum Beispiel die Super-Bicycle-Highways in London mit dem sehr einfach nutzbaren und großzügig ausgebauten Bike-Sharing-System oder die Superblocks in Barcelona, ebenso die konsequente Radverkehrsplanung in Paris. Das ist ein Teil von wunderbaren zeitgemäßen Projekten. Sie zeigen allerdings nur punktuelle Veränderungen und sind nicht beispielgebend für das ganze Land. Das ist in Deutschland ähnlich. Je nach Motivation, Bewusstsein und finanziellen Ressourcen gibt es vereinzelte Leuchtturm-Projekte in Kommunen und Städten im Bereich einer umweltbewussten Mobilitätsförderung – ganz gleich, ob in Deutschland, Europa oder weltweit. Es ist sehr wichtig, dass es diese Projekte gibt und über sie berichtet wird. Sie sind wichtige Vorbilder für unentschiedene Verantwortungsträger*innen auf den Entscheidungsebenen.

Was ist Ihrer Meinung nach, die größte Herausforderung für Eltern/Familien im Zuge der Mobilitätswende?

Anna Gering: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Es ist ein Mix aus allem. Die Angebote müssen stimmen – nachhaltig mobil sein muss einfacher, praktischer, billiger und sicherer sein als ein eigenes Auto zu besitzen und zu nutzen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der aber aufgrund der drängenden Herausforderungen durch die Klimaerhitzung hoffentlich etwas schneller beschritten wird als bisher.

Was wünschen Sie sich am meisten, wenn Sie an den Stadtverkehr in zwanzig Jahren denken?

Anna Gering: Dass Stadt- und Verkehrsplanung familien- und kinderfreundlich werden! Das wäre für alle Menschen in der Stadt ein Gewinn! Durch Geschwindigkeitsreduzierungen würde die Lärm- und Luftverschmutzung abnehmen. Durch eine gerechte Flächenverteilung wären Geh- und Radwege breit genug. Nicht nur Fahrradanhänger, sondern dreirädrige Fahrräder für Senioren hätten ausreichend Platz. Kinderwagen und Rollatoren könnten sich konfliktfrei auf den Gehwegen begegnen.

Hannah Eberhardt: Bislang gehen aus den geläufigen Planungsgrundlagen überwiegend Anforderungen für Erwachsene hervor. Kinder haben aufgrund ihrer Körpergröße sowie motorischen und kognitiven Entwicklung andere Ansprüche an das Verkehrsumfeld als gesunde Erwachsene. Bevor Kinder motorisch und kognitiv in der Lage sind, sicher Fahrrad zu fahren, sind sie zu Fuß unterwegs (Uhr 2015). Damit Kinder sichere und selbstständige Verkehrsteilnehmende werden können, müssen die Rahmenbedingungen passen.