Als „Letzte Meile“ wird in der Logistikbranche das letzte Wegstück von Lieferungen direkt an die Kund*innen verstanden. Dieser letzte Transportweg ist für die Zusteller*innen oft mit vielen Problemen und Herausforderungen verbunden. Der stetig wachsende Onlinehandel führt zu einer kontinuierlich steigenden Anzahl an Paketsendungen. Diese müssen unter hohem Zeitdruck und bei hohem Verkehrsaufkommen – insbesondere in den Städten – abgeliefert werden. Erfolglose Zustellversuche, beispielsweise weil die Empfänger*innen nicht daheim anzutreffen sind, sind dabei die Regel. Dieser Zustand macht ein Umdenken und neue, nachhaltige Lösungen auf der Letzten Meile notwendig.

Mit dieser Thematik befasst sich auch das Forschungsprojekt „Community Delivery – ein kooperatives nachbarschaftliches Belieferungskonzept für die Letzte Meile“ der Justus-Liebig-Universität Gießen, das von Mai 2020 bis August 2021 von der Innovationsförderung der House of Logistics and Mobility (HOLM) GmbH gefördert wurde. Im Rahmen des Projekts untersuchten Prof. Dr. Stefan Hennemann und Natalie Schmiede vom Institut für Geographie aus der Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeographie, wie sich nachbarschaftliche Gemeinschaften auf der Letzten Meile gegenseitig unterstützen können. Anfang September haben sie die Projektergebnisse auf dem HOLM-Innovationsmarktplatz vorgestellt.

Prof. Dr. Stefan Hennemann und Natalie Schmiede von der Justus-Liebig-Universität Gießen suchen neue Lösungen für die Zustellung auf der Letzten Meile und konzentrieren sich dabei auf nachbarschaftliche Gemeinschaften.

Dabei sieht das Projekt Community Delivery die Errichtung von städtebaulich integrierten MicroCommunityHubs in zentralen Lagen vor, sowohl in Städten als auch auf dem Land. Diese Hubs haben rund um die Uhr geöffnet und werden von Paketdienstleistern beliefert. Die Kund*innen erfahren über eine App, dass sich ein Paket für sie im Hub befindet und abgeholt werden kann. Über die App erhalten sie außerdem die Information, ob ein Paket für eine weitere Person aus der eigenen Nachbarschaftscommunity hinterlegt ist und können dann mit dem Nachbarn abstimmen, ob das Paket mitgenommen werden soll und wann eine Übergabe erfolgen kann. Die entsprechenden Mitnahmeberechtigungen sind in der App vermerkt. Eine Nachbarschaftscommunity besteht in dem Projektansatz anfänglich aus 25 Haushalten.

Werden die Pakete drei Tage lang nicht von einem Mitglied der Community abgeholt, erfolgt die Zustellung umweltfreundlich durch E-Autos oder Lastenfahrräder. Für Retouren verfährt das Konzept nach dem gleichen Prinzip.

„Wir vereinen mit unserer Idee Crowdlogistik, Mikrodepot und Paketstationen und übertragen die Zustellung auf der Letzen Meile komplett an die Nachbarschaft“,

sagt Natalie Schmiede, die derzeit zum Thema promoviert und ihre Arbeit im Dezember 2021 abschließen wird. Damit entsteht erstmalig aus einer HOLM-Projektförderung begleitend eine Dissertation.

Die Nutzungswahrscheinlichkeit der Endverbraucher liegt einer Umfrage zufolge bei über 80 Prozent, sowohl in ländlichen als auch in städtischen Regionen.

„Unser Prinzip fußt auf Vertrauen, Gemeinschaft und dem Prinzip der gegenseitigen Unterstützung und Hilfe und kommt komplett ohne Be- oder Entlohnung aus“

hebt Prof. Dr. Hennemann hervor.

Derzeit wird der Projektendbericht vervollständigt und es werden Umsetzungsmöglichkeiten des Konzeptes auf Quartiersebene in einem Mittelzentrum in Bayern geprüft.