Seit dem 1. August 2021 hat Hessen mit Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner einen eigenen Raumfahrtkoordinator. Der frühere Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA und ehemalige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist der erste Raumfahrtkoordinator der Hessischen Landesregierung. Im Interview erklärt er, warum Hessen nun einen eigenen Raumfahrtkoordinator hat, welche Themen er in den kommenden Jahren in den Fokus rücken möchte, wie wichtig Deutschland für die weltweite Raumfahrt ist und warum ein Flug ins All als Weltraumtourist für ihn nicht in Frage kommt.

Seit drei Monaten sind Sie als erster Raumfahrtkoordinator des Landes Hessen im Amt. Wie sah Ihre Arbeit in den vergangenen Wochen aus?

Seit meiner Ernennung als Raumfahrtkoordinator habe ich zum einen sehr viele Anfragen für Gespräche und Interviews erhalten sowie für die Übernahme von Grußworten oder Redebeiträgen zu unterschiedlichen Veranstaltungen, Terminen und Veröffentlichungen.

Zum anderen haben die Geschäftsstelle (der Raumfahrtkoordinator der Hessischen Landesregierung wird durch eine Geschäftsstelle unterstützt, die in der Hessischen Staatskanzlei besteht) und ich direkt im August damit begonnen, uns ein Bild von den vielfältigen Akteuren in Hessen in der Raumfahrt, und zwar insbesondere in Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft, internationalen Organisationen und öffentlichen Behörden und Verwaltungen zu machen. Wir haben eine Abfrage gestartet, um mehr über die Tätigkeitsschwerpunkte, Interessen und Bedarfe der Akteure herauszufinden. Die Rückläufe werten wir derzeit aus.

Die Abfrage ist ein wichtiges Element für die Hessische Raumfahrtstrategie, die eine meiner Aufgaben als Raumfahrtkoordinator ist und mit deren Erarbeitung ich im August begonnen habe. Hierzu habe ich auch ein Treffen mit den Ressorts der Hessischen Landesregierung, also mit allen Ministerien und Geschäftsbereichen der Landesregierung, gehabt, um deren möglichen Input für unsere Raumfahrtstrategie zu erfragen und ihre Bedarfe und Schwerpunkte einzubinden. Ja, und schließlich arbeiten die Geschäftsstelle und ich gemeinsam an einem Internetauftritt mit Informationen rund um das Thema Raumfahrt in Hessen (Vgl. "Raumfahrtkoordinator Hessen": LINK)

In seiner neuen Position soll Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner unter anderem eine zukunftsfähige Raumfahrtstrategie für das Land Hessen erarbeiten. Neben Hessen haben Bayern, Baden-Württemberg und Bremen sowie die Bundesregierung einen eigenen Koordinator für Raumfahrt bzw. für Luft- und Raumfahrt. Bild: Hessische Staatskanzlei


Warum braucht das Land Hessen einen eigenen Raumfahrtkoordinator? Ist Hessen im deutschlandweiten Vergleich besonders aktiv in der Raumfahrt?

Hessen ist Sitz einiger maßgeblicher internationaler Player in der Raumfahrt, darunter das European Space Operations Centre (ESOC) und die European Organisation for the Exploitation of Meteorological Satellites (EUMETSAT), die beide in Darmstadt beheimatet sind. Mit den am ESOC wahrgenommenen Aufgaben im Bereich der satellitengestützten Erd- und Umweltbeobachtung, der Weltraumwissenschaft, der Weltraumsicherheit, der Überwachung von Weltraumschrott sowie der Weltraumlageerfassung besitzt das Zentrum ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal. EUMETSAT wiederum sichert den Datenzugriff auf die verschiedenen Wettersatelliten ab.

Mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) mit Sitz in Offenbach am Main und der Deutschen Flugsicherung (DFS) mit Sitz in Langen befinden sich zentrale Anwender von Daten aus der Raumfahrt in Hessen. Zudem hat Hessen renommierte Hochschulen, die sich mit sehr unterschiedlichen und spannenden Forschungsthemen im Bereich der Raumfahrt befassen. Nicht zu vergessen die im Land ansässigen Unternehmen, die sowohl im Downstream- als auch im Upstream-Bereich tätig sind. Dabei sind einige sehr bekannte Player sowie auch echte Hidden Champions. Für den Bereich der Start-up-Förderung spielt das Centrum für Satellitennavigation Hessen, die cesah GmbH in Darmstadt, eine wichtige Rolle als Treiber von innovativen Geschäftsmodellen im Zusammenhang mit der Raumfahrt und insbesondere mit Anwendungen aus der Raumfahrt.

Hessen ist gut aufgestellt in der Raumfahrt, aber ein attraktiver Standort ist kein Selbstläufer und bedarf der permanenten Aufmerksamkeit und Unterstützung. Als Raumfahrtkoordinator kann ich dazu beitragen, dass Hessen ein starker Raumfahrtstandort in Deutschland und Europa bleibt. Ich kann ihm eine größere Sichtbarkeit verschaffen und zu einer engeren Vernetzung der Stakeholder beitragen – im Space- und im Non-Space-Bereich. Hilfreich ist hierbei, dass die Hessische Landesregierung den Raumfahrtkoordinator direkt in der Staatskanzlei angedockt hat. Auf diese Weise kann das Thema Raumfahrt aus allen fachlichen Perspektiven betrachtet werden. Und die Verbindung zum Hessischen Ministerpräsidenten sorgt für das notwendige politische Backing und die Sichtbarkeit der Aufgabe.

Hauptkontrollraum des European Space Operations Centre (ESOC). Das ESOC dient als Betriebskontrollzentrum für ESA-Missionen. Bild: ESA/J. Mai, CC BY-SA 3.0 IGO


Was möchten Sie in Ihrem Amt in den kommenden Jahren erreichen, welche Themen stehen für Sie im Fokus?

Ausgehend von der bereits angesprochenen Raumfahrtstrategie für Hessen ist mein zentrales Anliegen, den Standort Hessen national und international zu stärken. Dazu gehört es, ihn sichtbarer und bekannter zu machen. Dazu gehört aber ebenso, in Berlin und in Brüssel für den Standort zu werben und dafür zu sorgen, dass die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Die neu geschaffene Raumfahrtagentur der Europäischen Union EUSPA mit Sitz in Prag wirft für Hessen und für andere europäische Standorte der European Space Agency (ESA) zahlreiche Fragen auf, ist hier doch die Gefahr gegeben, dass auf Kosten der europäischen Steuerzahlerinnen und -zahler Doppelstrukturen geschaffen werden und Aufgaben, die seit Jahrzehnten Kernkompetenzen der ESA sind, möglicherweise einem neuen Player übertragen werden. Das betrifft den politischen und institutionellen Bereich.

Bezogen auf Wissenschaft und Wirtschaft liegt mein Augenmerk darauf, auch den Non-Space-Bereich stärker in den Blick zu nehmen. Gerade die Daten aus dem Europäischen Erdbeobachtungssystem COPERNICUS haben, zusammen mit anderen Daten, z. B. Navigation, ein riesiges Potential für neue Forschungsthemen und für innovative Geschäftsfelder. Hier stehen wir noch fast am Anfang, denn die Breite der möglichen Anwendungen dieser Daten im Interesse des Klima- und Umweltschutzes, für die Land- und Forstwirtschaft, die Medizin, von Mobilität, Logistik und Stadt- und Regionalplanung ist enorm. Auch im Zusammenhang mit den Themen Katastrophenschutz und Bevölkerungsschutz spielen, wie wir jüngst wieder gesehen haben, präzise Wetterdaten und -modelle und Daten aus dem All, z. B. für die Modellierung von Wasserverläufen, eine große Rolle. Und diese Daten finden wir in Darmstadt beim ESOC und bei EUMETSAT – insofern ist Hessen das Tor zum All.  

Mit dem Thema „bemannte Raumfahrt“ werden nach wie vor in erster Linie die Nationen USA und Russland verbunden. Deutschland scheint bei dem Thema im internationalen Vergleich wenig mitzumischen. Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

Sie meinen, weil wir in Deutschland bislang keine eigenen Launchfacilities haben wie die ESA in Kourou, die Russen in Baikonur oder die Amerikaner mit dem Kennedy Space Center? Nein, Deutschland ist ein wichtiger Player in der Entwicklung der astronautischen Raumfahrt und war auch in der Vergangenheit sehr eng eingebunden in astronautische Raumfahrtmissionen der Amerikaner und der Russen. Sigmund Jähn war 1978 der erste Deutsche im All auf der russischen Sojus-31. 1983 erfolgte unter deutscher Beteiligung die STS-9-Mission mit Ulf Merbold, 1985 waren wir beteiligt an der STS-61-A-Mission der NASA, in deren Rahmen Reinhard Furrer und Ernst Messerschmid als Nutzlastexperten der damaligen DFVLR (Deutsche Forschungs-und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt e.V., 1989 umbenannt in Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR e.V.) in dem im Laderaum mitgeführten europäischen Spacelab gemeinsam mit dem weiteren ESA-Astronauten Wubbo Ockels aus den Niederlanden die Mission D1 (Deutschland 1) der ESA durchführten. Klaus Dietrich Flade war 1992 auf der russischen Raumstation MIR, Ulf Merbold war ein zweites Mal 1992 mit der Discovery im Rahmen der STS-42-Mission im All sowie 1994 Teil der EUROMIR´94-Mission.

Oder denken Sie an die zweite Deutsche Spacelab-Mission D2 (NASA-Missionsname STS-55) im Jahr 1993 mit Ulrich Walter und Hans Schlegel als deutschen Nutzlastexperten und ESA-Astronauten an Bord, in deren Verlauf über 88 Experimente in den Bereichen Lebenswissenschaften, Materialforschung und -technologie, Erderkundung, Astronomie und Atmosphärenphysik sowie Experimente mit dem Roboterarm ROTEX durchgeführt worden sind.

Nicht zu vergessen der deutsche Beitrag an der Internationalen Raumstation ISS, z. B. im Rahmen der ESA-Aktivitäten zum Raumlabor Columbus, oder die Beteiligung weiterer Astronauten aus Deutschland an MIR- und ISS-Missionen – Reinhold Ewald flog 1997 zur russischen Raumstation MIR. Thomas Reiter war vom 3. September 1995 bis zum 29. Februar 1996 auf der MIR im Rahmen der Mission EUROMIR´95 und vom 6. Juli 2006 bis zum 19. Dezember 2006 auf der ISS. Und schließlich war Gerhard Thiele Teil der US-amerikanischen STS-99-Mission.

Bei der Untersuchung und dem Training der ESA-Astronauten spielt Deutschland eine zentrale Rolle: Die ESA-Astronautinnen und -Astronauten werden in Köln auf dem Gelände des DLR trainiert und auf ihren Einsatz im All vorbereitet. Die DLR-Institute, deutsche Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen entwickeln wichtige Experimente, die auf den verschiedenen Missionen mitfliegen, sie und deutsche Unternehmen entwickeln Hard- und Software für europäische, amerikanische und russische astronautische Missionen.

Was man allerdings sagen muss, ist, dass wir unsere Flüge zur ISS immer auf der Fahrkarte der Vereinigten Staaten machen. Wir bezahlen dafür, dass wir mitfliegen können, und zwar „unbar“ in Form von Hardware, die wir zur Verfügung stellen. Mit den zunehmenden Raumfahrtaktivitäten Privater könnte sich das natürlich in den kommenden Jahren ändern – und wir werden es genau beobachten und dann Schlüsse ziehen.

Die internationale Raumstation ISS ist das größte künstliche Objekt im Erdorbit und wird gemeinsam von den USA, Russland, Japan, Kanada und der europäischen Weltraumorganisation ESA betrieben. Bild: NASA

Aber liegt nicht die besondere Stärke Deutschlands und Europas eher in der unbemannten Raumfahrt?

Deutschland bringt seine Expertise und seine Produkte, Prozesse und Dienstleistungen in allen Bereichen der Raumfahrt ein. Das ist gut so und das muss auch so bleiben. Deutschland ist ein wichtiger Player in der internationalen Raumfahrt und sichert mit eigenen Weltraumaktivitäten ebenso wie mit seinen Beiträgen an ESA-Missionen und -Programmen die stete Weiterentwicklung der Raumfahrt und der Weltraumforschung.

Wenn ich die Stärke Deutschlands ableite aus der deutschen Beteiligung an ESA-Programmen, also dem finanziellen Beitrag unseres Landes, so zeigt sich, dass Deutschland eine wichtige Rolle spielt bei der Definition und Umsetzung der wissenschaftlichen Missionen der ESA. Hier geht es in erster Linie um die Erforschung des Weltraums: Deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tragen mit ihren Beiträgen erheblich dazu bei, dass in Europa einzigartige Daten in Astronomie, Astrophysik, Sonnen- und Planetenforschung gewonnen werden. Wesentlich zu den deutschen Erfolgen beigetragen haben die Kometensonde Rosetta, die von 2014 bis 2016 ihren Zielkometen erforscht und den Lander Philae abgesetzt hat, sowie auch die Bilder der hochauflösenden Kamera auf Mars Express und die spektakuläre Landung der Huygens-Sonde auf dem Saturnmond Titan. Hinzu kommt die deutsche Beteiligung an dem Europäischen Erdbeobachtungsprogramm COPERNICUS und das Potential deutscher Firmen, die herausgewonnenen Daten in marktgängige Produkte wie Apps umzusetzen – dies eine Facette von „New Space“.

Das Europäische Copernicus Programm liefert Erdbeobachtungsdaten. Das hier dargestellte Bild zeigt den Lavastrom einen Monat nach Beginn der Eruption auf La Palma. Bild: European Union, Copernicus Sentinel-2 imagery

Im September dieses Jahres hat das amerikanische Raumfahrtunternehmen SpaceX erstmals vier US-Bürger*innen ins All befördert. Der nächste Flug ist laut Unternehmensangaben für Januar 2022 geplant. Was halten Sie von dieser Entwicklung des „Weltraumtourismus“? Würden Sie selbst mitfliegen, wenn die Möglichkeit bestünde?

Ich halte den Weltraumtourismus als Teil der zunehmenden Kommerzialisierung der Raumfahrtaktivitäten, als Teil von „New Space“ für eine selbstverständliche Entwicklung. Seit Menschengedenken gibt es diesen Traum. Insofern verstehe ich sehr gut, dass Menschen gerne einmal ins All fliegen möchten. Und je mehr kommerzielle Angebote in diesem Bereich entstehen, desto größer wird der Wunsch bei vielen Menschen werden, dies auch zu tun. Der Gedanke selbst mitzufliegen ist reizvoll, prinzipiell auch für mich. Allerdings würde ich einen reinen Tourismusflug für mich, nicht nur aus finanziellen Überlegungen, ablehnen. Fakt ist, dass mit jedem Weltraumflug zusätzliche Umweltbelastungen einhergehen und zahlreiche rechtliche Fragen ungeklärt sind. Ein Flug käme für mich nur in Frage, wenn das einen besonderen Nutzwert hätte, z. B. als Bauingenieur. Dennoch müssen wir die Entwicklung genau verfolgen, um auch sicherstellen zu können, dass die europäische Raumfahrt den Anschluss an solche Entwicklungen nicht verliert und ökonomisch und technologisch nicht abgehängt wird.    

Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen in dem Bereich Raumfahrt, sowohl für Deutschland und Europa als auch weltweit?

Aus meiner Sicht sind die größten Herausforderungen der kommenden Jahre die zunehmende Kommerzialisierung des Weltraums, seine immer größer werdende Belastung mit Weltraumschrott und damit einhergehende Fragen im Zusammenhang mit Sicherheit im und mit Zugang zum Weltraum.

So nachvollziehbar die Interessen kommerzieller Anbieter insbesondere in den USA sind, mit Mega-Satellitenkonstellationen irdische Nachfrage nach schnellem Internet, geringer Latenz, größtmöglicher Abdeckung und Back-up für terrestrische Infrastrukturen zu schaffen, so sehr müssen wir in Europa sicherstellen, dass wir einen eigenen souveränen Zugang zum All haben und sichern. Europa muss aus strategischem und aus ökonomischem Interesse dafür Sorge tragen, dass wir uns nicht in eine technologische Abhängigkeit von Firmen wie Starlink, einer Tochterfirma von Elon Musks SpaceX, begeben. Hier geht es um Konstellationen aus mehreren hunderten oder gar tausenden Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn, im „Lower Earth Orbit“ (LEO). Auch aus China sind Pläne bekannt, entsprechende LEO-Konstellationen aufzubauen. Die hierzu verwendeten Satelliten haben eine deutlich geringere Lebensdauer als die bisherigen geostationären Satelliten und dies erhöht die Gefahr der Belastung der verschiedenen Orbits mit Weltraumschrott um ein Vielfaches – und das wiederum ist natürlich auch sicherheitsrelevant.

Der „Lower Earth Orbit“ (LEO) ist eine Umlaufbahn, die sich relativ nahe an der Erdoberfläche befindet. Sie befindet sich normalerweise in einer Höhe von weniger als 1.000 km über der Erde (LINK), Bild: ESA–L. Boldt-Christmas

Der Weltraum einschließlich des Mondes und der Planeten darf nicht zu einer neuen Art des Kolonialismus verkommen, der es „neuen“ Akteuren schwieriger macht, eigene Raumfahrtaktivitäten zu realisieren. Anderenfalls würde der freie Zugang zum Weltraum begrenzt, einem der grundlegenden Prinzipien des Weltraumrechts, dass das All zum „common heritage of mankind“ erklärt hat. Raumfahrt hat die Möglichkeit über nationale Interessen und irdische Konflikte hinweg Kooperationen zu ermöglichen. Diesen Wert gilt es zu erhalten!